OEBB_RailjetIn mehreren Stufen führt die ÖBB-Personenverkehr AG seit 2004 ein durchgängiges landesweites Produktionssystem ein. Realisiert wird das auf sieben Jahre angelegte IT-Projekt durch den Softwarelieferanten COS und das Wiener Systemhaus Quantum.

Text als WORD-Datei: COS_ÖBB_final

An diesen Moment können sich viele Österreicher gut erinnern: Am 13. Dezember 2008 startete um 7.35 Uhr der erste Hochgeschwindigkeitszug „railjet“ zu seiner Jungfernfahrt von Wien nach Salzburg. Der Fortschritt zu den Euro- und Intercity-Zügen war weithin sichtbar und das Medienecho groß.

Völlig lautlos verlief hingegen die jüngste Premiere der Bahngesellschaft: Genau ein halbes Jahr nach dem Fahrplan-Start des railjet hat die ÖBB-Personenverkehr AG in Europa ein neues Kapitel in der Zugvorbereitung aufgeschlagen. Seit 14. Juni 2009 arbeiten die Zugbegleiter der ÖBB erstmals mit zentral erstellten Wagenlisten im handlichen A4-Format, die konzernweit an sämtlichen Bildschirmarbeitsplätzen mit Intranet-Zugang abgerufen werden können.

Vertrautes Medium

Seit jeher gehören die Wagenlisten zum unverzichtbaren Rüstzeug der Zugbegleiter. Sie geben Auskunft über die technischen Eigenschaften der einzelnen Waggons eines Zuges und beinhalten sicherheitsrelevante Daten. Die Listen informieren über die zulässige Höchstgeschwindigkeit der Wagen, nach der sich das maximale Tempo des Gesamtzuges richtet. Außerdem sind die Bremsgewichte, Außenmaße und sämtliche aktuellen technischen Einschränkungen aufgeführt, die den Betrieb eventuell beeinflussen können.

Seit Juni berücksichtigen die Listen auch alle geplanten Änderungen während des Zuglaufs bereits ab dem Startbahnhof.

Bislang wurden die Listen im sperrigen A3-Format an jedem Änderungsbahnhof auf speziellen Nadeldruckern neu ausgedruckt. Die Daten stammten aus dem IT-System ARTIS, das die Schwestergesellschaft ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG betreibt. Das Unternehmen kümmert sich um das Bereitstellen, Betreiben und Erhalten der Schieneninfrastruktur sowie die Betriebsplanung und den so genannten Verschub. „Die Betriebskosten für ARTIS sind relativ hoch und der Parallelbetrieb mit unserer eigenen zentralen Lösung führte zu einer doppelten Erfassung und damit zu unterschiedlichen Datenbeständen“, so Christian Pettauer, verantwortlich für den Bereich Systeme/IT in der ÖBB-Personenverkehr AG.

Zu einer papierlosen Abwicklung wäre es jetzt nur noch ein kleiner Schritt, doch an dem vertrauten Medium will die ÖBB festhalten. „Schon aus formalen Gründen werden wir den Zugbegleitern auch künftig eine Papierliste mitgeben“, so Christian Pettauer.  Diese Lösung funktioniere schließlich auch bei Stromausfall.

Zugriff via Intranet

Seit 2004 erarbeiten die ÖBB gemeinsam mit dem Softwarelieferanten COS GmbH aus dem süddeutschen Oberkirch und dem Wiener Systemhaus Quantum Logistics & Services GmbH eine integrierte IT-Lösung, die alle Produktionsaufgaben in einem landesweit einheitlichen System zusammenfasst. Einbezogen sind die Bereiche Fuhrparkverwaltung, Instandhaltung, Disposition, Leistungsverrechnung und Kundeninformation. Das Vorhaben trägt den Namen ReM – eine Abkürzung für „Reisezugwagenmanagement“.

Das jetzt abgeschlossene Teilprojekt „Zugvorbereitung“ vermeidet das doppelte Erfassen von Daten als Basis der Zuglisten und  entlastet vor allem so die Mitarbeiter vor Ort. Die jetzt zentral erstellten Listen enthalten von vorne herein alle Informationen und bilden die erforderlichen Summen automatisch. „Wir haben damit eine weitere wichtige Stufe in unserem auf sieben Jahre angelegten Projekt zur Einführung eines einheitlichen Produktionssystems abgeschlossen“, so Pettauer.

2004 wurden im ersten Schritt die Daten sämtlicher Reisezugwagen aus den bisherigen Systemen übernommen und für die Fuhrparkverwaltung in einer zentralen Datenbank hinterlegt. „Schon einen Monat nach Projektstart konnten alle Mitarbeiter im ÖBB-Konzern via Intranet auf die Wagendaten zugreifen“, erinnert sich Projektleiter Robert Bruckner.

Integriertes Terminal

Die Datenbank bildete zugleich die Grundlage für das COSware Programm-Modul „Instandhaltungs-Management“. Die Software überwacht die Wartungsintervalle in Abhängigkeit der Faktoren Zeit und Laufleistung und dokumentiert die Leistung und Kosten der Werkstätten sowie sämtliche Reparaturen. Dabei wird zu jedem Fahrzeug eine Lebensakte angelegt, wodurch bestimmte Schadenshäufungen auf einen Blick sichtbar werden. Insgesamt entsteht so eine Berechnungsgrundlage für die Life-Cycle-Costs der einzelnen Wagen. Dieser Projektschritt konnte Anfang 2005 abgeschlossen werden. Wesentlich ist auch ein weitgehend automatisierter Datenaustausch der Werkstattaufträge mit dem ÖBB-Tochterunternehmen Technische Services. Dadurch wird auch die anschließende Rechnungskontrolle erheblich erleichtert.

Zeitgleich mit der Einführung des Instandhaltungs-Managements etablierten die ÖBB die Funktion des Wageneinsatzleiters. Dieser steuert mit Hilfe von COSware die Zuführung des Fuhrparks in die Werkstatt oder in den Reservewagenbestand. Für große Transparenz sorgt zudem das in die Lösung integrierte Schadens-Meldesystem IVR. „Damit meldet der Zugbegleiter noch während der Fahrt etwaige Mängel per SMS über eine Schnittstelle direkt an COSware – und damit auch an die zuständige Wageneinsatzleitung“, erklärt Bruckner.

Derzeit werde bereits an einer IVR-Anbindung an die Multifunktions-Terminals – kurz MFT – der Zugbegleiter gearbeitet. „Das große Tastenfeld der Terminals erlaubt eine wesentlich komfortablere und schnellere Dateneingabe als ein Handy“, erklärt der Projektleiter. Diesen Schritt will Bruckner im Laufes des nächsten Jahres abschließen.

Übersichtliche Darstellung

Durch die IVR-Meldungen kann der Wageneinsatzleiter umgehend die Reparatur des gemeldeten Schadens beim nächsten Halt veranlassen, oder – bei größeren Defekten – einen Ersatzwagen organisieren. Parallel werden die Störungsmeldungen durch COSware auch direkt an die Werkstatt übermittelt, damit die notwendigen Ersatzteile rechtzeitig bereitgestellt werden können. Das Vorwarnsystems ermöglicht kürzere Standzeiten und beschleunigte Reparaturen.

Der dritte Aufgabenbereich im ReM-Projekt neben der Fuhrparkverwaltung und der Instandhaltung ist die Disposition. Darin enthalten sind die Zugbildung sowie die so genannte Umlaufplanung und das Reinigungsmanagement. Mit dem COSware-Modul „Disposition“ steuert der Wageneinsatzleiter, welcher Wagen in welchem Zug zum Einsatz kommt – und löst damit das Generieren der Wagenlisten aus. Durch die Datenbank sieht er dabei genau, welches Fahrzeug wann und an welchem Ort verfügbar ist. Instandhaltungsaufträge können – in einem Arbeitsgang – direkt in der Disposition erstellt werden. Eine Spezialisierung der Wageneinsatzleiter auf einen der Bereiche „Instandhaltung“ oder „Disposition“ ist somit nicht notwendig.

Die Basis der Disposition bilden die COSware-Module „Zugbilde- und Umlaufplanung“, wobei voll auf Transparenz gesetzt wird: Die Wagenumläufe werden grafisch dargestellt und automatisch von Tag zu Tag fortgeschrieben. Damit lässt sich eine über mehrere Tage laufende Umlaufkette übersichtlich darstellen.

Sichtbarer Fortschritt

Das Erfassen von Fremdwagen ausländischer Bahngesellschaften in COSware ist ebenfalls möglich. Dadurch können bei Grenzüberschreitungen zusätzliche Wagen schnell und effizient aufgenommen werden. Kooperationspartner wie die Deutsche Bahn übermitteln diese Daten bereits digital.

Im Jahr 2011 soll das ehrgeizige IT-Projekt planmäßig abgeschlossen werden. Bis dahin hat Projektleiter Bruckner noch eine Menge Arbeit vor sich: Auf der Agenda stehen eine automatische Reservierungsfunktion für Reisegruppen, die integrierte Planung und Beauftragung aller Verschub-Leistungen sowie die flächendeckende Einführung von  elektronischen Zugbilde- und Wagenstandsanzeigern in allen Kundeninformationssystemen. Die tatsächlichen Zugfolgen können dann europaweit erstmals auf großen Flachbildschirmen angezeigt  werden, statt, so wie bis jetzt, nur auf dem Papier. An diesen Fortschritt werden sich dann nicht nur Reisende aus Österreich lange erinnern.

Weitere Informationen unter:  www.cosonline.de/loesungen/oepnv-oeffentlicher-personenverkehr/oepnv-schienenfahrzeuge/ 

Marcus Walter

 

Hintergrund: ÖBB Personenverkehr AG

Die ÖBB-Personenverkehr AG ist Österreichs größter Mobilitätsdienstleister und betreibt täglich knapp 4.000 Züge. Zwischen 1995 und 2008 hat das Unternehmen rund 3 Milliarden Menschen in ihren Zügen befördert. 85 Prozent davon nutzten den Nahverkehr. Die ÖBB-Personenverkehr AG beschäftigt rund 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Hintergrund: COS GmbH

Die COS GmbH ist ein Software- und Beratungshaus, das sich auf leistungsfähige IT-Lösungen in den Bereichen Fuhrpark, Logistik und Tourenplanung, Objektverwaltung und Personal sowie Instandhaltung, Werkstatt und Betriebshofmanagement konzentriert.

Das Unternehmen besteht seit 1982 und engagiert sich für mehr als 750 Kunden aus den Bereichen Transport, Industrie, Handel, Dienstleistung, öffentlicher Verwaltung und ÖPNV. Die Software-Module der Marke „COSware“ werden täglich von über 12.500 Anwendern genutzt.

Mehr als 4.000.000 Fahrzeuge und Objekte werden mit COSware verwaltet, disponiert und instandgesetzt – darunter auch Geräte, Maschinen, Flurförderzeuge, Container und Gebäude. COS steht für „Computersysteme, Organisation und Softwareentwicklung“.

 

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